Formgebend

Steckdosen aus Knochenabfällen

Drei Lichtschalter mit organisch geformten Schalttastern neben Knochenquerschnitten, die Schalter sind in ihrer Form von Querschnitten von Knochen inspiriert sind.

Das Design der von Souhaïb Ghanmi entworfenen Lichtschalter ist eine subtile Anspielung auf die Ursprünge des Materials. 

Sein Projekt mit dem Titel «Elos», das im Rahmen seiner Diplomarbeit an der ÉCAL entstand, regt zu einer Diskussion über Alternativen zu Plastik an und setzt sich für eine breitere Suche nach der Verwendung von ungewohnten Materialien an vertrauten Orten ein: Souhaïb Ghanmi hat Rinderknochenabfälle aus der Fleischindustrie zu einer Kollektion von Lichtschaltern und Steckdosen verwandelt, die auch in ihrer Form von deren Beschaffenheit inspiriert sind.  

Du hast Jura, Wirtschaft und Kunst studiert, bevor du dich dem Design gewidmet hast. Was hat dein Interesse geweckt, selbst zu entwerfen?

Souhaïb Ghanmi: Handwerker-*innen, Schmied*innen, Designer*innen – sie alle haben die Gabe, die Welt zu formen. Ich wollte daran teilhaben und für die Menschen und ihr tägliches Leben entwerfen. 

Diverse Knochenverbundsteste sind auf einem grossen weissen Papier nebeneinander aufgereiht.

Im Rahmen seiner Forschung experimentierte Souhaïb Ghanmi mit verschiedenen Bindemitteln, darunter Kleber aus Rindernerven und Knochenkollagen.

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Für deine Diplomarbeit hast du Lichtschalter, Steckdosen und USB-Stecker aus Knochenpulver entworfen. Wie bist du auf eine solch besondere Verwendung des Materials gekommen?

SG: Als ich die Familie meines Vaters in Tunesien besuchte, fiel mir auf, wie viel Abfall beim Schlachten anfällt. Dank meines Onkels, der diese Knochen für die Herstellung von Messergriffen verwertete, wurde ich neugierig.

Was fasziniert dich an Knochen besonders? 

SG: Für mich sind Knochen ein vergessenes Material, das trotz seiner herausragenden Eigenschaften, wie etwa Wärmeisolierung und biologische Abbaubarkeit, nicht ausreichend genutzt wird. Heute fallen in der Schweiz jährlich mehr als 230 000 Tonnen Abfälle aus Schlachthöfen an. Die Knochen aus dieser industriellen Produktion werden nur zu einem kleinen Teil zu Nebenprodukten weiterverarbeitet, ein sehr grosser Teil wird jedoch verbrannt.

Früher wurden Knochen jedoch von verschiedenen Völkern für die Herstellung von Haushaltsgegenständen verwendet. Knochen waren sozusagen das Äquivalent zu Plastik – und Plastik ist heute eines der grössten ökologischen Probleme. Daher lag es für mich auf der Hand, zu diesem Material zurückzukehren, um es als eine alternative Lösung für unser tägliches Leben zu nutzen.

Eine Wand mit verschiedenen Steckdosen und Lichtschaltern mit organisch geformten Tasten an einer Wand, an der zwei Hände gerade dabei sind, ein Kabel einzustecken.

«Elos» ist eine Serie von Schalter und Steckdosen aus Knochenpulver, die sich – ähnlich einem Gelenk eines Oberschenkelkopfes – nach dem Kabel ausrichten können. 

Kannst du uns etwas über dein Projekt «Elos» erzählen?

SG: «Elos» ist eine Reihe von Schaltern und Steckdosen, bei denen Knochenpulver aufgrund seiner elektrischen Isolationseigenschaften verwendet wurde. Die Form der Steckdose ist vom Gelenk eines Oberschenkelkopfes inspiriert und kann sich nach dem Kabel ausrichten. Die organischen Formen der Schalter sind vom Schnitt langer Knochen inspiriert.

Was sind die Hauptvorteile von Knochenpulver aus Sicht des Designs?

SG: Die Verwendung in Pulverform verringert die Abfallmenge bei der Produktion. Ausserdem ist man bei der Formgebung komplett frei.

Welchen Schwierigkeiten bist du während des Prozesses begegnet? 

SG: Die Schwierigkeit bestand darin, die Haltbarkeit und Wiederverwertbarkeit des Knochenverbundstoffs zu optimieren, damit er wieder zu einem Pulver zermahlen und zu neuen Produkten geformt werden kann.

 

Ein Portrait des Jungdesigners Souhaib Ghanmi in schwarzer Kleidung vor einer hellen Stoffvorhangwand.

Mit seiner Kollektion «Elos» erregte Ghanmi, der heute für das Keramikunternehmen Raawii arbeitet, auch international viel Aufmerksamkeit.