Annabelle Schneider

10 Fragen an...

Annabelle Schneider ist eine in New York ansässige Erlebnisdesignerin. Ihre Arbeit umfasst sowohl physische als auch virtuelle Rauminstallationen mit Fokus auf Wohlbefinden. Jüngst hat die Schweizerin eine riesige, betretbare weisse «Bubble» entworfen, die während der New York Design Week zum Verweilen und Entspannen lud.

In unserem Interview gibt sie Einblick in ihren Werdegang und erzählt von den Chancen und Herausforderungen, mit denen sie in New York City konfrontiert ist.

Portrait der Schweizer Erlebnisdesignerin Annabelle Schneider in einem roten Lackmantel

«Mit meiner Arbeit möchte ich Menschen zusammenbringen und Räume oder Orte schaffen, wo man sich wohl und geborgen fühlt», sagt Annabelle Schneider.

Annabelle, du lebst schon seit 10 Jahren in New York. Was hat dich damals hier her verschlagen?

Mit sechs Jahren erhielt ich ein LL Cool J Mixtape und fand diese Musik sehr verführerisch. Ich verstand sprachlich zwar nichts, aber die Rhythmen bewegten mich. Später verbrachte ich viel Zeit in San Francisco, den Philippinen und Hong Kong. Aber nichts war so authentisch, wie New York, der Ursprungsort von Hip Hop. Ich wollte hier hin und spüren, was ich immer höre.

Nach einem BFA in Design Management an der HSLU Luzern fand ich meine Rolle in Strategie und Umsetzung von in Räumen erlebten Geschichten. Ich fand den Raum immer die wichtigste Bühne für all unsere Emotionen. In Räumen treffen wir Menschen und schaffen Verbindungen. Design kann dabei (un)bewusst unterstützend wirken. Und nirgends steht Design so sehr im Dialog mit Erlebnissen und Gefühlen, wie im Innern von Architektur. Nach einem Job im Branding und Events in Miami, bewarb ich mich schlussendlich für einen Studiengang in Innenarchitektur an einer der besten Design-Universitäten in New York, Parsons – The New School of Design.

Heute, fast acht Jahre später, unterrichte ich selbst Design Studios und Strategisches Design Thinking an der Parsons.

Mit ihrem Projekt «BEING in Bed», welches Annabelle Schneider an der Art Basel in Miami (2023) präsentierte, ging sie der Fragestellung nach, wie uns Technologie, etwa Virtual Reality, wieder näher an die natürlichen Zyklen unseres Körpers bringen und dadurch mehr Achtsamkeit und Heilung schaffen kann. 

Grundlage war das Bett - der einzige Ort, den wir laut Schneider in naher Zukunft unser "Zuhause" nennen werden. Dazu entwickelte sie eine immersive VR-Installation mit berührungsreaktiven Stoffen.

Mit der Virtual-Reality-Brille durchwanderte man den Körper, wie etwa Blutbahnen, angeleitet von einer Meditation.

Wie empfindest du die New Yorker Kreativszene im Vergleich zur Schweiz?

Wie die Stadt selbst: sehr divers, lebendig, schnell, sensibel und verletzlich. Viel, laut, mutiger und grösser denkend, manchmal überfordernd aber gleichzeitig eben auch sehr fördernd. Ich glaube vor allem die Schnelllebigkeit und Dimension hier unterstützt Verletzlichkeit, welche uns schlussendlich echter und direkter agieren lässt.

Dank der grossen Anzahl Menschen gibt es auch vielfältigere Kreativszenen und Gemeinschaften. Dies bedeutet zwar mehr Möglichkeiten Gleichgesinnte oder Unbekanntes zu treffen, aber auch mehr Konkurrenz. Die Unterstützung durch Vernetzungen und Kollaborationen sind dennoch nicht weniger. Ich empfinde die Lust und den Trieb, gemeinsam an Grösseres zu glauben und weniger kritisch im Prozess zu sein, sondern zu wagen und einander Platz für Erfahrung und Austausch zu lassen, grosszügiger als in der Schweiz. Das heisst allerdings nicht, dass hier alles besser wird. Aber es wird und entsteht. In der Schweiz machte ich mehrmals die Erfahrung, dass sich Designprozesse in die Länge zogen, Risiken re-evaluiert wurden und das Projekt im Kontext des Zeitgeistes schliesslich an Relevanz verloren hat.

«Ich liebe es, im Chaos von New York getrieben und gefordert zu sein.» 

Gibt es etwas, was du an der Schweiz vermisst?

In der Schweiz habe ich sehr loyale Arbeitspartner und Unternehmen, die mir viel ermöglicht haben und mir bis heute vertrauen. Ich erachte es als Vorteil, mit Schweizer Werten zu arbeiten und nach wie vor sehr damit verbunden zu sein. Ich bin mir aber auch bewusst, dass ich den Fluss der Gegensätze und die unglaubliche Vielfalt in New York brauche. Ich liebe es, im Chaos von New York getrieben und gefordert zu sein. Es gibt mir eine grössere Perspektive, mehr Freude und Kreativität, Dinge zu entwickeln, die sonst vielleicht nicht möglich wären.

In der Schweiz finde ich hingegen viel Inspiration im Schweizer Handwerk, der klaren Luft, dem Licht, der Struktur der Bergen und den Oasen der Seen und Flüsse, die sich meist auch in unsere schönen Städte schlängeln.

Inwiefern ist dein Designansatz "typisch schweizerisch“?

Hier ist vieles schneller und vielleicht nicht für immer. Ich schätze dies, weil meine Arbeit sehr stark auf die Bedürfnisse unseres Zeitgeists reagiert. Meine Ansätze zu Projektplanung, Prozess und Abgabedaten sind dabei sehr schweizerisch.

In einem leer stehenden Stockwerk des WSA Buildings in New York City schuf Annabelle Schneider die Installation «Breathe with me», dessen Fokus eine sich sanft auf- und abblasende weisse «Bubble» bildete. 

Im Innern der «Bubble» luden Meditationskissen und Decken die BesucherInnen zum Entspannen und Verweilen ein.

Schweizer Möbelikonen und Designprodukte fanden sich auch ausserhalb der «Bubble», etwa im "Indoor-Garten" mit Kunstrasen von Tisca und den ikonischen Spaghettistühlen. 

Die Bar wurde aus diversen USM-Modulen gebaut, umrahmt von den Vorhängen «Nymphea» und «Anais» von 4Spaces Zürich mit faszinierenden Farbverläufen. 

Jüngst hast du an der New York City Design Week «NYCxDESIGN» deine Installation «Breathe with Me» präsentiert. Wie kam es dazu?

Im Spätherbst 2023 lud der aktuelle Botschafter Niculin Jäger mit seinem Team mich und weitere Kreativschaffende zu einem Nachtessen ein. Gemeinsam brainstormten wir über das Briefing vom Schweizer Konsulat, «die Vielfalt an Schweizer Design während der NYCxDESIGN zu präsentieren».

Daraus entstand schliesslich mein Konzept, mit Schweizer Designprodukten, eine Welt zu schaffen, die die Besonderheiten der Schweiz wiedergibt: die Grosszügigkeit, Gastfreundschaft, Loyalität, der Genuss und dem Verweilen im ’beschützen’ Raum.

Kannst du uns ein bisschen mehr zu deiner Installation erzählen?

«Breathe with Me» ist eine multisensorische Installation, welche sowohl ikonische als auch aufstrebende Designbeiträge von bekannten Schweizer Marken wie Laufen, Luft & Laune, USM, Vitra, 4Spaces, ZigZagZurich und weiteren zeigt. Ziel war es, die Besucherinnen und Besucher in ein Reich der Ruhe inmitten der geschäftigen Energie Manhattans zu entführen. Location war ein leeres Stockwerk eines ikonischen Wolkenkratzers in New York, WSA

In der Mitte des Raums entstand ein atmendes Textil-Kokon, sozusagen ein Raum im Raum, welcher dazu einlud, diesen zu entdecken. Die Besucher*innen lagen teilweise bis zu drei Stunden auf dem weichen Boden dieser «Bubble», beobachteten die sich rhythmisch bewegenden, organischen Wände, liessen sich von dem von Luc Oggier komponierten Atem-Sound leiten, oder meditierten auf den von mir und Yvonne Wigger designten «Trippy»-Meditations-Kissen

Ausserhalb der «Bubble» befanden sich verschiedene Zonen, geschaffen mit neuen und ikonischen Schweizer Designstücken: Von einer eher industriellen USM-Bar, wo man Körper und Geist nähren konnte, zu einem Indoor-Natur-Moment, geschaffen durch einen Gras-Teppich von Tisca und den kultigen Spagetti-Stühlen.

«Multi-sensorische Ebenen von Musik, Licht, Bewegung, bis hin zu Geschmack und Temperatur sind zunehmend wichtiger, um Räume für unser Wohlbefinden zu schaffen.»

Zu deiner Installation gehörte, wie du erwähnt hast, auch eine Klangkulisse, welche Luc Oggier kreierte. Welche Rolle spielt Musik für dich im Bezug auf Raumgestaltung und Raumwahrnehmung?

Multi-sensorische Ebenen von Musik, Licht, Bewegung, bis hin zu Geschmack und Temperatur sind zunehmend wichtiger, um Räume für unser Wohlbefinden zu schaffen. Mir bleibt der Sonntagabend besonders in Erinnerung: Wir luden zu einer speziellen Listening-Session bei Abenddämmerung ein. Die tieferen Frequenzen der Musik, gepaart mit dem sich rhythmisch bewegenden Textil-Kokon, versetzte die Besucherinnen und Besucher in eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Ein Besucher sagte mir, er fühle sich so wohl und präsent hier, selbst ausserhalb der «Bubble». Das war für mich das schönste Kompliment, weil dies die absolute Erfüllung meiner Vision war.

Annabelle Schneider vor der «Bubble» ihrer Installation «Breathe with me».

Annabelle Schneider schuf mit ihrer Installation «Breathe with me» eine wahrhaftige Ruheoase inmitten des emsigen Treibens der New York Design Week.  

Du unterrichtest neben deiner eigenen Arbeit auch an der Parsons School of Design. Wie nimmst du die neue Generation von Kreativschaffenden wahr?

Sehr sensibel, suchend nach Halt, Identität, und Sicherheit. Dies widerspiegelt sich auch in den Designs. Wir leben in einer Zeit geprägt von vielen und vor allem schnellen Veränderungen. Eine herausfordernde, aber auch extrem spannende und wichtige Zeit. Ich schätze den Dialog mit den zukünftigen Kreativschaffenden sehr. Ich wuchs bis Mitte meiner Teenage-Jahre ohne Internet auf. Sie sind voll ‘digital natives’. Beide Perspektiven sind super wichtig, um unseren Alltag optimaler zu gestalten.

Wer oder was inspiriert dich?

Gegensätze, Chinesischen Medizin, Hip Hop, Bubbles jeglicher Art, Gold.

Und wenn du nicht gerade unterrichtest, oder die nächste Installation entwirfst, wo trifft man dich häufig an?

In Bewegung am East River. Das Wasser, die Brücken, das Licht und die Promenaden tun mir gut. Beim Joggen kommen mir die besten Ideen und die Welt ist danach meist etwas mehr in Ordnung. Im Sommer geh ich oft in den Prospect Park. Ich glaube um glücklich zu sein, brauchts nicht viel mehr als gute Gespräche, Musik, Wein und Brot.

Weitere Oasen bietet das Noguchi Museum, das Cafe Gitane in SoHo, oder die International Object Galerie in Bushwick.

www.annabelleschneider.com