Handwerk schafft Identität und Verbundenheit

Generation Köln – ein Ausstellungsformat der besonderen Art

Vier junge Möbel- und Produktdesigner sind im Kollektiv erfolgreich – und interpretieren die traditionelle Handwerkskunst einer Region neu.

Generation Köln: Klemens Grund, Thomas Schnur, Karoline Besser und Tim Kerp (v.l.) arbeiten projektbezogen zusammen.

Glas und Beton im Dialog: Die Ausstellung der Gruppe in der Kölner Kirche St. Gertrud im Januar 2021.

Objekte ins Licht getaucht: Klemens Grund entwarf Präsentationsmöbel aus Pappelsperrholz und Schwarzstahl.

Karoline Fesser, Klemens Grund, Tim Kerp und Thomas Schnur sind vier junge deutsche Designer, die jeweils unter eigenem Namen tätig sind und Möbel und Produkte entwerfen. Als Gestalterkollektiv Generation Köln, ins Leben gerufen von der Gründerin des Passagen-Begleitprogramms zur imm cologne, ­Sabine Voggenreiter, kommen sie für gemeinsame Ausstellungsprojekte zusammen. Anfang 2020 zeigten die vier Designer im Rahmen der Passagen in der Kölner Galerie Martina Kaiser bestechend schöne, schnörkellose Holzmöbel, gefertigt in Zusammenarbeit mit Handwerkern des Werkraums Bregenzerwald. Im Januar 2021 bot die Kirche Sankt Gertrud, ein kraftvoller Betonbau von 1965 aus der Feder des Architekten und Pritzkerpreisträgers Gottfried Böhm, die Kulisse für das neuste Ausstellungsprojekt der Generation Köln: Die Gruppe präsentierte eine Vielzahl von gläsernen Objekten, entstanden in Kooperation mit dem französischen Glaskulturzentrum CIAV Meisenthal, im beeindruckenden Innenraum des auch als Kultur­kirche genutzten Sakralbaus. Das ­fluid verformte Glas, in seiner finalen Form zart und zerbrechlich, trifft auf die brutalistische Architektur Böhms aus Wasch- und Sichtbeton. Pandemiebedingt war die Ausstellung nicht öffentlich zugänglich, sondern online zu sehen – in aufwendig gefilmten Dokumentationen, virtuellen Rundgängen und Interviews, über Zoom und den Instagram-­Account der Gruppe @generationkoeln.

Vorarbeit: Klemens Grund bereitet in der Glashütte Meisenthal eine Holzform zum Ausblasen seines Entwurfs vor.

Öllampe: Das Modell Silo von Klemens Grund besteht aus einem Tank und einem Windschutz. Auch in blauem oder violettem Rauchglas erhältlich.

Trinkglas: Die grossen Gläser, ebenfalls von Klemens Grund, sind mundgeblasen und bezaubern durch ihre schlichte Formgebung.

«Wie sieht eine Designausstellung im Lockdown aus? Macht es überhaupt Sinn, jetzt Produkte zu entwerfen und diese auch noch zu zeigen, wo doch niemand zu einer kulturellen Veranstaltung gehen darf? Wie oft haben wir uns diese Frage gestellt – und sind zu dem Schluss gekommen, dass das, was wir im französischen Meisenthal vor­gefunden haben, sowie der Ort, an dem die Objekte nun ausgestellt werden, gerade jetzt von Bedeutung sind», so die vier Gestalter, deren Anspruch bei gemeinsamen Projekten als Generation Köln immer darin besteht, mithilfe ihrer Entwürfe gesellschaftsrelevante Themen zu untersuchen und zu spiegeln. Meisenthal, einstige Glasbläser-Hochburg der Region an der Route du Feu (Route des Feuers) unweit der deutschen Grenze, war Ende der 1960er-Jahre gezwungen, die Produktion einzustellen, als Massenware aus Kunststoff den europäischen Markt überschwemmte. Heute lebt das kulturelle Erbe durch das CIAV Centre International d’Art Verrier (Internationale Zentrum der Glaskunst) wieder auf.

Glaskugel: Thomas Schnurs Entwurf Air de Meisenthal fängt die Atmosphäre des Ortes in einer Freiform ein.

Formwerk: Meisterglasbläser Jean-Marc Schilt beim Modellieren des Glshakens an der Kugel von Thomas Schnur.

Windlicht: Die Oberflächentextur von Aura (Design: Thomas Schnur) ergibt sich beim Einblasen der heissen Glasmasse in die kalte Form.

Zusammenarbeit: Die vier jungen Designer (im Bild Thomas Schnur) pflegten einen intensiven Austausch mit den Glasbläsern der Manufaktur Meisenthal.

«Konfrontiert mit widersprüchlichen Eindrücken einer Region im Aufbruch haben wir vor Ort Hand in Hand mit den Glasmeistern Objekte gestaltet, die das Material Glas zelebrieren sowie die Region porträtieren», erzählen Karoline Fesser und ihre drei Designerkollegen. Traditionelle Herstellungstechniken und die hohe handwerkliche Kunst im Umgang der Meister mit dem Material übersetzten sie in poetische wie alltagstaugliche Entwürfe mit einer zeitgemässen Formensprache. So entstanden etwa Windlichter und Vasen, Gläser und Karaffen, Kerzenhalter und Schalen. Ähnlich war der Ansatz schon beim Kooperationsprojekt der Generation Köln mit den Handwerkern des Werkraum Bregenzerwald ein Jahr zuvor. Fundiertes Handwerk und nachhaltige Produktion inspirierten Karoline Fesser, Klemens Grund, Tim Kerp und Thomas Schnur dort zu Entwürfen für qualitativ hochwertige Holzmöbel in zeitgenössischer Ästhetik. So entstanden Stühle und Bänke, Tische und Schränke aus massiver Weisstanne, dem lokalen Werkstoff der Vorarlberger Region.

Präzisionsarbeit: Designer Tim Kerp legt beim Herstellungsprozess in der Glashütte selbst Hand an.

Transfertechnik: Der Bläser nimmt Tim Kerps Punktmuster aus Glaspulver mit einem noch heissen Rohling auf.

Formgebung: Der gepunktete Glaskörper zu Karaffe Brise wird in einer Stahlform aufgeblasen.

Windlicht: Die Kollektion Blossom von Tim Kerp verzaubert wie volle Blüten.

«Ob Tischlerei oder Glasbläserei – wir glauben, dass Handwerk eine Relevanz hat», erklärt Klemens Grund. «Es geht nicht nur ums Produkt. Wir wünschen uns, dass Handwerk mehr ist als ein Look oder ein Style. Handwerk schafft Identität und Verbundenheit, etwas, wonach sich der moderne Mensch sehnt. Es schafft Sinn, ein Auskommen und Würde, es ist gesellschaftlich relevant, nur leider wenig anerkannt. Mit unserer Aus­stellung setzen wir hier einen Akzent.» ­Karoline Fesser ergänzt: «Beide Orte, Bregenzerwald und Meisenthal, sind handwerkliche Produktionsstätten, die äusserst respektvoll mit Mensch und Material umgehen. Der dort gelebte nachhaltige Umgang mit Lebensräumen und Ressourcen ist heute selten – und doch machbar und tragfähig. Wir Designer der Generation Köln sind wie eine Lupe: Wir zeigen existierende Expertisen ­anhand von Produkten und schaffen so eine vergrösserte Sichtbarkeit.»

Schaffensprozesse: Karoline Fesser mit Glasbläser Jean-Marc Schilt beim Abdruck eines heissen Glaszylinders.

Handwerkstradition: Im französischen Glaskulturzentrum CIAV Meisenthal pflegt man das Erbe der Region.

Glasvase: Der Steinabdruck im Boden verleiht Karoline Messers poetischem Entwurf den Namen Mountain.

Auch wenn das gemeinsame Ziel der Gruppe war, in Zusammenarbeit mit den Handwerkern vor Ort Objekte zu gestalten, die sowohl die Region als auch das Material und die Fähigkeiten der Fertigungsstätten in Form von Alltagsgegenständen porträtieren, sind die Ergebnisse so unterschiedlich wie die vier Charaktere der Gestalter. Thomas Schnur etwa spielt mit seinem kunstvollen Entwurf «Air de Meisenthal» an auf ein ­Ready-Made von Marcel Duchamp – statt Pariser Luft fängt der Glasbläser jedoch mit seiner frei geformten Kugel die Luft von Meisenthal ein. Grundlage für die Freiform ist eine Skizze des Designers. «Beim ersten Workshop mit den Glasbläsern, die uns in zwei sehr intensiven Tagen vor Ort gezeigt haben, was alles machbar ist, wurde mir bewusst, dass man dem Glas zwar einen Weg zeigen kann, ihm aber zugleich seine Freiheit geben sollte», erzählt Thomas Schnur, der sich in den vergangenen Jahren vor allem mit Holz und Stahl auseinandersetzte.

Und Tim Kerp berichtet: «Im Vorfeld der eigentlichen Produktionswoche in Meisenthal habe ich viel recherchiert zum Thema Glas und mir Glasobjekte unterschiedlichster Epochen angeschaut. Der Werkstoff Glas hat etwas Magisches – umso mehr, wenn man vor Ort mit allen Sinnen erlebt, wie Glasobjekte entstehen. Es ist faszinierend, mit anzusehen, wie aus einem fliessenden Material eine stabile Hülle entsteht.» Dieser fliessende Zustand des Materials findet sich in seinem Entwurf für Glaslöffel «Tasty» wieder. Für diesen hat der Designer extra ein Werkzeug gebaut, das dem Glasbläser ermöglicht, aus einem kleinen Zylinder ­gläserne Löffel zu ziehen.

www.generation-koeln.de

 

Titelbild der Ausgabe 3/21 von Atrium

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